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Erschöpft und trotzdem professionell – warum Erschöpfung in der Kita kein Qualitätsmangel ist

  • 1. März
  • 6 Min. Lesezeit

In vielen Kitas ist Erschöpfung längst kein Ausnahmezustand mehr. Sie ist zu unserem Alltag geworden. Das klingt irgendwie hochdramatisch, allerdings habe ich das Gefühl, dass es in der Praxis gar nicht so wahrgenommen wird. Es war ein schleichender Prozess und es bleibt ein dauerhaftes Gefühlt von „es ist einfach zu viel“. Zu viele Anforderungen, zu wenig Zeit, zu viele Bedürfnisse nebeneinander und viel zu wenig strukturelle Stabilität. Von Unterstützung der obersten Ebenen ganz zu schweigen.


Und da sind wir nun: Kitakräfte, die ihren Beruf nicht infrage stellen, die die Arbeit mit Kindern lieben, die fachlich reflektiert sind, die wissen, wie sie arbeiten möchten und die trotzdem abends nach Hause gehen und spüren, dass sie innerlich leer sind.


Was dann häufig passiert, ist leise. Es ist kein großer Vorwurf von außen. Es ist ein Gedanke im eigenen Kopf. Oder vielleicht auch mehrere: Ich bin einfach nicht belastbar genug. Vielleicht müsste ich professioneller reagieren. Vielleicht bin ich zu sensibel.


Und an dieser Stelle möchte ich dich wirklich bitten auf Selbstreflektion zu verzichten! ;) Denn nein, nicht du, deine Belastbarkeit oder deine Sensibilität ist das Problem. Es ist und bleibt das völlig überlastete System. Und was machen wir jetzt damit? Lass uns da mal genauer hinschauen.

Konfliktwolke

Erschöpfung in der Kita ist kein individuelles Problem

Wenn wir jetzt trotzdem einmal einen Schritt zurückgehen und fachlich drauf schauen, dann wird schnell klar: Erschöpfung entsteht nicht einfach, weil einzelne Menschen „nicht belastbar genug“ sind. Sie entsteht dann, wenn mehr von dir verlangt wird, als du an Ressourcen zur Verfügung hast. Und das meist über einen längeren Zeitraum.

Damit meine ich nicht nur Zeit oder Energie, sondern auch Handlungsspielräume, Unterstützung und Struktur.


Genau das ist im Kita-Alltag für viele längst Realität geworden. Es ist nicht der eine besonders stressige Tag, nicht die eine schwierige Situation, sondern dieses dauerhaft Gleichzeitige. Viele Bedürfnisse, mehrere Erwartungshaltungen, der eigene Anspruch und alles läuft parallel. Entscheidungen müssen getroffen werden, obwohl die Zeit dafür eigentlich nicht da ist. Dinge werden erledigt, obwohl sie sich nicht stimmig anfühlen. Und trotzdem läuft der Alltag irgendwie weiter.

Dass dein Körper darauf mit Erschöpfung reagiert, ist keine Schwäche. Es ist im Grunde ziemlich logisch.

Was es schwierig macht, ist nicht die Erschöpfung an sich, sondern das, was wir daraus machen.


Wenn Müdigkeit deine Identität verändert

Irgendwann kippt es nämlich. Denn die wenigsten Kitakräfte nehmen diese Erschöpfung wahr und reagieren darauf mit einem milden Blick auf sich selbst und die eigenen Ressourcen. Und selbst wenn, ist die Reaktion so gut wie nie, auf die Bremse zu drücken und sich um sich selbst zu kümmern. Denn was ist mit den Kindern, was ist mit meinem Team, wie soll die Kita denn ohne mich weiterlaufen, wenn es jetzt schon kaum geht.

Dann geht es nicht mehr darum, dass etwas zu viel ist, sondern darum, dass du selbst nicht mehr funktionierst, obwohl du es doch so sehr möchtest.

Du bist schneller genervt als früher. Die Geduld reicht nicht mehr bis zum Nachmittag. Abends bist du kaum noch aufnahmefähig, obwohl du doch noch so viel zu tun hast.


Und genau hier entsteht dieser leise Druck. Nicht von außen, sondern von innen.

Der Anspruch bleibt hoch. Vielleicht wird er sogar noch höher, weil du merkst, dass es schwieriger wird. Und gleichzeitig wird die eigene Reaktion kritischer betrachtet. Nicht selten mit dem Ergebnis, dass du dich selbst infrage stellst.

Dabei ist genau das der Punkt, an dem wir wieder unterscheiden müssen. Nicht alles, was sich nach persönlichem Versagen anfühlt, ist auch eins.

Professionalität bedeutet nicht, alles auszuhalten. Sie bedeutet auch nicht, dauerhaft ruhig, präsent und reguliert zu bleiben, egal unter welchen Bedingungen.
Professionalität bedeutet, einordnen zu können, was gerade passiert. Und Verantwortung so zu tragen, dass sie langfristig tragfähig bleibt.

Es liegt nicht daran, dass du es nicht „gut genug“ machst

Ein Gedanke, der sich hartnäckig hält, ist der, dass es mit mehr Reflexion, mehr Bewusstsein oder einer noch klareren Haltung irgendwann leichter werden müsste. Dass man nur noch „ein Stück weiter“ gehen müsste und dann würde sich vieles entspannen.

Und ja, Haltung ist wichtig. Ohne Frage. Aber sie hat Grenzen.


Du kannst noch so klar in deiner Haltung sein, wenn dir dauerhaft Zeit fehlt, wenn du ständig mehrere Dinge gleichzeitig ausgleichen musst und wenn grundlegende Rahmenbedingungen nicht stimmen, dann wird es anstrengend bleiben.

Nicht, weil du etwas übersehen hast. Sondern weil du versuchst, etwas zu leisten, das unter diesen Bedingungen nicht leistbar ist. Und zwar gar nicht leistbar ist. Für niemanden!

Das anzuerkennen ist kein Aufgeben. Es ist ein wichtiger Schritt in Richtung Klarheit.

Anstrengung und Erschöpfung sind nicht dasselbe

Vielleicht hilft an dieser Stelle eine Unterscheidung, die im Alltag oft untergeht.

Anstrengung gehört zu unserem Beruf und sie wird auch bleiben. Wir arbeiten mit Menschen, sind in Beziehung, tragen Verantwortung.

Kurz gesagt: Pädagogik fängt erst an, wenn es schwierig wird! Natürlich kostet das Energie.

Aber Anstrengung kann sich trotzdem sinnvoll anfühlen. Du gehst müde nach Hause, aber mit dem Gefühl, etwas beigetragen zu haben. Du bist gefordert, aber nicht leer.

Erschöpfung fühlt sich anders an. Sie entsteht oft dort, wo du dauerhaft gegen etwas arbeitest, das sich nicht verändern lässt. Wo du immer wieder versuchst, Lücken zu schließen, die eigentlich strukturell sind. Wo du merkst, dass du viel gibst, aber sich an der Gesamtsituation wenig verändert.


Ein bisschen so, als würdest du einen tiefen Riss im Boden schließen wollen und das Einzige, das dir zur Verfügung steht, sind Pflaster. Diese kleinen Fingerpflaster. Davon gibt es ganz verschiedene für unterschiedliche Situationen, aber kein einziges füllt den Riss im Boden. Du gibst dir Mühe, klebst sie sorgfältig auf, aber unter der Oberfläche bleibt alles, wie es ist.


Und genau das macht auf Dauer müde. Nicht die Kinder. Nicht die Beziehung. Sondern das Gefühl, ständig mehr tragen zu müssen, als vorgesehen ist.

Vielleicht lohnt es sich, an dieser Stelle nicht noch mehr an dir zu arbeiten, sondern genauer hinzuschauen. Was genau erschöpft dich?

Sind es die Unterbrechungen, das ständige Umplanen, das Reagieren müssen? Ist es die Verantwortung an sich? Oder ist es das Gefühl, ihr nie wirklich gerecht werden zu können?


Wenn alles einfach nur „zu viel“ ist, bleibt es schwer greifbar. Wenn du beginnst zu unterscheiden, wird es klarer. Und diese Klarheit ist wichtig, weil sie dir wieder Orientierung gibt. Nicht im Sinne von „Dann mache ich es besser“, sondern im Sinne von „Jetzt verstehe ich besser, was hier eigentlich passiert“.

Und du darfst müde sein!

Vielleicht ist das der wichtigste Satz in diesem Beitrag. Und das bedeutet nicht, dass du weniger geeignet bist für deinen Beruf. Es bedeutet auch nicht, dass deine Qualität nachlässt oder dass du deinen Ansprüchen nicht gerecht wirst.


Oft bedeutet es einfach, dass du über längere Zeit sehr viel getragen hast. Und dass es irgendwann nicht mehr geht, ohne dass dein System darauf reagiert.

Eine Frage zum Mitnehmen: Wo endet meine professionelle Verantwortung und wo beginnen meine Grenzen?



Und was bedeutet das jetzt für deinen Kita-Alltag?

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