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Haltung allein reicht nicht - warum Strukturen über Pädagogik entscheiden

In unseren Kitas wird der Druck immer höher und die Schlinge der Bildungskrise zieht sich immer mehr zu. Und trotzdem oder gerade deshalb wissen viele Kitakräfte sehr genau, wie sie arbeiten möchten. Sie haben sich mit bedürfnisorientierter Pädagogik auseinandergesetzt, reflektieren ihr Handeln und tragen eine klare fachliche Haltung in sich.

Und genau in diesem Spannungsfeld aus hohem eigenen Anspruch und einem System, das auf allen Ebenen versagt, fühlt sich der Kita-Alltag nicht stimmig an. Wie auch?

Entscheidungen werden getroffen, die innerlichen Widerstand auslösen. Situationen werden schneller gelöst, als es dem pädagogischen Verstand entspricht. Nicht, weil das Wissen fehlt. Sondern weil Zeit, Struktur oder Rahmenbedingungen keine andere Wahl zu lassen scheinen.

Dieser innere Widerspruch ist kein Zeichen mangelnder Professionalität. Er ist ein Hinweis auf etwas anderes.

Konfliktwolke

Wenn Haltung nicht mehr trägt

Viele Kitakräfte erleben genau das: Die eigene Haltung ist klar, aber sie fühlt sich im Alltag zunehmend anstrengend bis unmöglich an. Sie muss verteidigt, erklärt und immer wieder neu begründet werden.

Was eigentlich Orientierung geben sollte, wird zur inneren Daueraufgabe.

Und was machen die Kitakräfte, die für die Bildungsrevolution losgehen, in solch einer Situation? Sie kritisieren kurz das System und schauen dann wieder auf sich: Der Gedanke, man müsse noch gelassener sein, noch reflektierter reagieren oder sich besser regulieren, schwebt im Kopf umher. Dabei liegt das Problem häufig nicht in der Haltung selbst, sondern darin, dass sie in einem Umfeld gelebt werden soll, das ihr kaum Raum lässt.

Haltung kann nur wirken, wenn sie getragen wird. Und getragen wird sie nicht allein durch innere Überzeugung.

Warum der Haltungsdiskurs an seine Grenzen kommt

Auch wenn es immer noch ein begrenzter Personenkreis ist, der sich wirklich so intensiv mit der eigenen Haltung auseinandersetzt, wie die Personen, die diese Zeilen hier lesen:

In den letzten Jahren hat der Haltungsdiskurs stark an Bedeutung gewonnen.

Das ist in meinen Augen eine ganz wunderbare und notwendige Entwicklung. Pädagogisches Handeln braucht Werte, Reflexion und ein klares Menschenbild. Ohne Haltung bleibt unsere Profession auf der Strecke.

Schwierig wird es allerdings dort, wo Haltung zur Hauptantwort auf strukturelle Probleme wird.

Wenn der Eindruck entsteht, gute Pädagogik sei vor allem eine Frage der inneren Einstellung. Dann wird Verantwortung unbemerkt verschoben. Weg von Rahmenbedingungen, hin zur einzelnen Person.

Für Kitakräfte bedeutet das oft zusätzlichen Druck. Denn sie wissen sehr genau, was fachlich sinnvoll wäre, erleben aber gleichzeitig, dass der Alltag ihnen kaum Spielräume lässt, dieses Wissen umzusetzen. Diese Spannung bleibt nicht folgenlos.



Strukturen wirken, ob wir wollen oder nicht

Und ich erzähle dir nichts Neues, wenn ich schreibe, dass Strukturen mehr sind als organisatorische Abläufe. Sie beeinflussen Entscheidungen, Prioritäten und Beziehungen. Sie bestimmen, ob Gespräche in Ruhe stattfinden oder zwischen Tür und Angel. Ob Zeit für Beziehung bleibt oder ständig unterbrochen wird. Ob Reflexion einen festen Platz hat oder immer wieder verschoben wird und am Ende gar nicht stattfindet.


Dank der Organisationspsychologie wissen wir, dass Menschen ihr Handeln an die Bedingungen anpassen, in denen sie arbeiten. Auch hochqualifizierte, engagierte Kitakräfte handeln nicht ausschließlich nach Überzeugung, sondern nach den Möglichkeiten, die ihnen ein System eröffnet oder versperrt.

Wenn Strukturen dauerhaft unter Druck stehen, entstehen Konflikte. Häufig sichtbare Konflikte und nahezu innere Konflikte, die uns viel Kraft kosten.


Das Jonglieren zwischen Anspruch und Machbarkeit, sowie Fachlichkeit und Alltag gehören daher leider mittlerweile zum täglichen Gedanken-Karussell der meisten Kitakräfte mit denen ich arbeiten darf.

Und wenn Fachlichkeit nicht gelebt werden kann, macht das müde

Erschöpfung entsteht nicht nur durch hohe Arbeitsbelastung. Sie entsteht auch dann, wenn Kitakräfte ihre fachliche Kompetenz nicht einbringen können. Wenn sie wissen, was Kinder brauchen, es aber immer wieder nicht umsetzen können.

Dieser Zustand greift das professionelle Selbstverständnis an. Er erzeugt Frust, Ohnmacht und das schmerzhafte Gefühl, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.

Viele beschreiben genau hier den Moment, in dem Arbeit schwer wird. Nicht, weil der Beruf an sich infrage gestellt wird, sondern weil die eigene Fachlichkeit keinen oder auf jeden Fall zu wenig Platz findet.



Verantwortung anders denken

An dieser Stelle ist es so so wichtig, Verantwortung neu zu betrachten. Nicht im Sinne von „Ich kann nichts tun“, aber auch nicht im Sinne von „Ich muss mich noch mehr anstrengen“.

Professionelle Verantwortung liegt dazwischen. Sie beginnt mit dem Blick auf die Bedingungen, unter denen professionelles pädagogisches Handeln stattfinden kann und unter welchen nicht. Mit der Frage, welche Strukturen die eigene Haltung unterstützen und welche sie regelmäßig unterlaufen.

Nicht alle Strukturen lassen sich verändern. Aber manche sind beweglicher, als es auf den ersten Blick scheint. Und allein diese Unterscheidung kann entlastend sein.

Eine Frage zum Mitnehmen: Welche Struktur in deinem Kita-Alltag zwingt dich immer wieder dazu, anders zu handeln, als du es fachlich für richtig hältst?

Diese Frage ist unbequem und sie öffnet einen wichtigen Denkraum. Nicht, um Schuld zu verteilen, sondern um Zusammenhänge sichtbar zu machen. Und den Druck rauszunehmen, den Druck der aktuell vor allem auf deinen Schultern zu lasten scheint.


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